Critique of Steam Punk

Hab heute Susan Sontags Skizzen zum Camp wiedergelesen. Im Moment mag ich ihr ruhiges, sicheres Urteil. Obwohl sich die Thesen wiederholen und ich insgesamt mit diesem Essay ein bisschen unzufrieden bin, zeichnet er eine Grenze präzise, nach der ich mich letztens gefragt habe angesichts der Bilder im Nationalmuseum in Edinburgh, die ich als Kitsch bezeichnet hätte, und die mich faszinieren. In ihrer allerletzten These kommt sie - raffiniert - darauf zu sprechen, was einem die ganze Zeit im Kopf brüllt: die Verbindung mit der Ökonomie. Camp, in seinem Ursprung in der Langeweile, wachse auf dem Boden des materiellen Überflusses. Nicht des persönlichen unbedingt, aber der Gegend. Sehr plausibel. Aber es reizt zum Gegenbeweis auch. Die Armut in betulich-häuslichen Gegenden, die Kältevorsorge - also, die Kälte zwingt einen zum Ernst. Aber ich sehe schon viel Dandytum unter den sehr armen in sehr armen Gegenden, es könnte also sein, dass sowohl null Besitz als auch soviel, dass man über Geld nicht nachdenken muss, Dandytum ermöglicht, der nur dann nicht aufkommt, wenn man die innere Unfreiheit des, weit gefasst, Kleinbürgertums hat.
stabigabi1 - 17. Aug, 16:25

Im Buch "Art and the Industrial Revolution" behandelt Francis Klingender, ein emigrierter Deutscher übrigens, einige heute kaum besprochene Dichter, einen zum Beispiel, der Allegorien mit Maschinenbeschreibung mischt.Text folgt.

Er behandelt auch die Anfänge des industriellen Designs in den Porzellanmanufakturen. Design hat, meint er, erst später das Anrüchige bekommen, den es für Genies hat, seit der Geniebegriff verwagnerisiert wurde. H. Millesi warf hier ein, dass es eine Revolution war, als im Jugendstil ernstzunehmende Künstler sich mit Kunsthandwerk, Dekor und Gebrauchsgegenständen befassten. Aber ich meine, dass die Folie, vor der das ein bisschen revolutionär gewirkt haben könnte, erst kurz davor entstanden war. War die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht voll mit immer ärger fantastisch ("orientalistisch") werdenden klassizistischen Fantasien? War dieser fantastische Klassizismus nicht so ähnlich Realismusfern wie der Comics-Stil heutzutage? Manierismen, jedenfalls, und was war der Punkt - ach ja, dass sich die Künstler, die das designten, ganz gewiss ernst nahmen. Der Blick, dass man sich wundert, dass "ein so ernstzunehmender Künstler wie Kokoschka Illustrationen machte", ist ein neuer, kommt vom Kanon der Künstler, die WIR im 20./21. Jahrhundert gelernt haben, als die Großen zu bezeichnen. Mit einem Geniebegriff, der eigentlich erst, seit er, offiziell verboten, in den Gehirnen der Jugendlichen seinen Duft entfaltet, zum wirklich reifen Käse geworden ist.
Sontag unterscheidet drei Qualitäten: so was wie Klassizismus, das Straighte: Schöne, Gute und Wahre; dann als zweite das Arge, und als dritte nennt sie dann den Camp: das Schöne, dessen Schönheit die Moral aushebelt. Stellt man sich diese drei Kategorien - sind es mehr? Mir fallen keine mehr ein! - als einander überschneidende, transluzente Kreise vor, welche Wahrnehmungsweisen, nicht Eigenschaften oder die Kunstwerke selbst, darstellen, so kömmt es mir plausibel vor.

stabigabi3 - 17. Aug, 17:13

Beim Festival CAMP / ANTI-CAMP hielt Bruce LaBruce einen Vortrag, der weitere Unterkategorien einführte:

Classic Gay Camp
Bad Gay Camp
Good Straight Camp
Bad Straight Camp
High Camp
Low Camp
Ultra Camp
Bad Ultra Camp
Quasi-Camp
Subversive Camp
Reactionary Camp
Liberal Camp
Conservative Camp
Intentional Camp
Unintentional Camp
Good Intentional Straight Camp

Hier zu finden:
http://natbrut.com/notes-on-camp-labruce/
stabigabi3 - 17. Aug, 17:15

Das war hier

vor einiger Zeit, also wann war das, das war jedenfalls eine sehr gute veranstaltung, drei tage lang

http://www.e-flux.com/announcements/campanti-camp-a-queer-guide-to-everyday-life/

stabigabi1 - 17. Aug, 17:20

Das kann nur gut gewesen sein. Und doch, Susan Sontag hat recht, wenn sie am Anfang ihres Essays ihr Unbehagen daran äußert, dass das theoretische Erläutern von Camp einem Verrat gleichkommt, und an dieser Grenze knabbert notgedrungen ein solches Festival auch, oder? Nämlich Festival. Es müsste anders heißen, glaube ich. So wie hier die Roböxotica, das jährliche Festival für Cocktailautomaten. Oder die Osaka-basierte Roadway Observation Society.
stabigabi3 - 17. Aug, 17:29

[[[und hörte das besondere interesse der ästhetik des "camp" an einem intimen zugang zu den verehrten personen zeige sich a) im übergehen der vorbereitung, auch der generationfolge, b) in der transidentitären entscheidung für die verkörperung, das heißt: für mehr als mimesis, c) für das interesse an randständigen phänomenen der kulturindustrie, genauso für das interesse an zentralen phänomenen der kulturindustrie, die dann wieder durch ihre imitation in camp-ästhetik an den rand geraten mögen, d) für ein nacheiferndes fan-tum, das zugang zu der garderobe sucht, ja das sich da vielleicht schon befindet, und das dann wieder, in diese nähe, die das eigentliche ziel des fan-tums ist e) eine form der künstlichkeit, einträgt, die aber nicht synthetisch sondern sympathetische verkörperung ist. oder paradoxale mimesis, oder die mimesis der geheimen, der unsichtbaren ähnlichkeiten. oder innere anähnelung bei gleichzeitiger ausdifferenzierung, also eigentlich: das, was an freundschaften echt ist, wenn man das spiel ernst genug nimmt, um sich daran zu erfreuen.]]]

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