"die Menschen besuchten Vorlesungen in Philosophie und Naturwissenschaften, so wie man heutzutage ins Kino oder auf ein Rockkonzert geht. Ein besonders berühmter Wissenschaftler, Isaac Newton, demonstrierte, dass weißes Licht durch eine Prismen-Linse in einzelne Farben gebrochen werden kann, die dann durch eine andere Linse wieder zu weißem Licht werden.
Inspiriert durch Newtons Arbeiten, hoffte John Locke (1632 - 1704) das, was Newton für das Licht getan hatte, für den Geist tun zu können: zu zeigen, wie man den Geist in Elemente zerlegen kann, die miteinander kombiniert das Ganze der bewussten Erkenntnis ergeben."
Eine gute Idee!
In ihr wittere ich aber einen "Delphin". Damit meine ich, einen Ausgang durch Sprung ins Meta, so wie ein Delphin aus dem Wasser springt und sich betrachten lässt. Also, Locke zerlegt also den Geist, und baut ihn wieder zusammen, dabei kommt aber nicht das gesamte Bewusstsein heraus, sondern ein Spiegel davon, was er gerade zu tun versucht, nämlich bewusste Erkenntnis. Geiler Trick.
stabigabi1 - 8. Okt, 15:38
Grad wollt ich das Heft zum Steirischen Herbst mit der grauslichen baumleckenden Altmännerzunge drauf wegschmeißen, da entdeckte ich eine tolle Seite darin. Anstelle eines Essays waren seine Bestandteile abfotografiert: eine Seite in einer Erzählung mit eingeringeltem Zitat, eine Skizze der daran anknüpfenden ---nun, was denn? Es war nicht bloß ein Gedanke, sondern seine Formulierung war bereits auf eine geisteswissenschaftliche Publikation ausgerichtet, also durchwachsen mit Palaver, Diskursivem Reden - und noch ein anderer Entwurf.
Man würde nun denken, dass es besser wäre, zu überlegen, was man zu sagen hat, und das im geeignetsten Medium dann möglichst knapp, lesbar und angemessen zu veröffentlichen. Also mit Computer geschrieben, um Versatilität und Veränderbarkeit zu gewährleisten, und das lesende Auge nicht durch Handschrift und mehrere ungeschickte Ansätze sowie die Oberfläche eines verstaubten Schreibtisches zu irritieren.
Aber genau das erfrischte.
Ich denke, die Perfektionierung des Schreiboutputvorgangs durch Word ist ideal, wenn man weiß, wonach man sich richtet. Um aber diese gewohnte, leidige Schicht von Palaverismus auseinanderzubrechen und rauszufinden, in welchem Arbeitsschritt er eigentlich sich in den Gedanken mischt, ist die Publikation einer Arbeit in dieser Form, sofern sie durchdacht und nicht exzessiv gehandhabt wird, ein geeignetes Mittel. Man wird nämlich bei der Auswahl der Fragmente, die man teilweise wird neu schreiben müssen, scharf überlegen müssen, durch welchen Parcours an Nachvollzug der Leserin geholfen, sie mit ästhetischen Freuden erfrischt, und nicht etwa durch meine zur Schau gestellte Unentschlossenheit ermüdet ist. Die Regeln können nicht streng genug sein: Keine freiassoziativen Sprünge, wo die Autorin selbst zu zerstreut ist, um rauszufinden, warum ihr eine Assoziation wertvoll erscheint; die Beziehung der Teile zueinander muss zu mindestens 70 Prozent benennbar sein.
Wahrscheinlich sollte ich den Titel dieses Beitrags zur Sicherheit in die Einzahl verwandeln: Der Faksimile-Aufsatz.
stabigabi1 - 8. Okt, 15:15
Religion sind diejenigen Handlungsbegründungen, die alle akzeptieren, weil sie die aktuell funktionierende Konvention darstellen.
(Es ist dabei funktional unwichtig, ob der Verwender wirklich an sie glaubt oder nicht, und auch die traditionelle Verknüpfung von Verhaltensregelung mit individueller Seelenpflege, wie sie heutzutage im Islam zum Beispiel noch lebendiger ist, ist nur zufällig eine Weile in der Religion vereint worden, sodass wir, danach kommend, noch immer die Definition der Religion daraus zu bauen versuchen.)
Insofern ist sehr deutlich, dass die zur Zeit ziemlich global herrschende Religion die des Legalismus ist, der Jurisprudenz, mit einer umfassenden effektiven Macht, die sogar die einstige der katholischen Kirche, über die wir uns bei der Betrachtung der Geschichte immer so wundern, bei weitem übersteigt.
Es gibt also Grund, sich auch über die Gegenwart sehr zu wundern - oder aber keinen Grund, sich je zu wundern, so kann man es natürlich auch sehen.
stabigabi1 - 8. Okt, 14:49
In der weiteren Folge dieses Absatzes wird eine Linie gezogen vom Gegensatzpaar: "Aristoteles' Empirismus und Platons Vorstellung, man werde mit ererbten Ideen geboren" zum "nature vs. nurture", also der Frage, was einen mehr prägt, die genetische Anlage oder die Erziehung durch die Umwelt.
Sofort kommen mir da die komplexeren Ersatzastrologien wie Sozionik und Gurdjeffs Enneagramm in den Sinn: Anlagen vorausgesetzt, werden bei ihnen, durchaus die abkürzenden Vorausskizzen der mathematischen Kombinatorik nach und nach empirisch ausfüllend, die Wechselwirkungen verschiedener angeborener Eigenschaften oder eben Anlagen analysiert. Nach meinem ersten Eindruck hat die konventionelle Wissenschaft die Komplexität dieser Rechnungen immer gescheut und ihr gesammeltes Faktenwissen meist nach schmerzhaft primitiven Funktionstheorien weiterverarbeitet.
Zugegeben verschlägt es einem den Atem, wenn man die mathematisch möglichen Kombinationen von auch nur drei oder sechs angeborenen Eigenschaften, die man auf dem Weg durch das Leben verfolgen will, überschlägt. Der stark Schüchterne kann z.B. die Schüchternheit, weil sie so auffällig ist, bekämpfen (erfolgreich, teils erfolgreich, oder scheiternd), oder sich auf seine anderen Talente konzentrieren (wobei es sein kann, dass sich auf andere Weise die Schüchternheit auflöst). Die Schüchternheit kann man aber selbst wieder plausibel als ein Phänomen betrachten, das eine Umgangsweise mit allen möglichen Sachverhalten darstellt, z.B. könnte es genausogut sein, dass sich das schüchterne Mädchen heillos überlegen fühlt, aber die Berührung dieser Überlegenheit mit der Umwelt verständlicherweise vermeiden will, oder dass sie sich tatsächlich, wie das Klischee sagt, mangelhaft einschätzt und deshalb Scham empfindet, oder etwas völlig anderes.
Vermutlich können charakteristische Abfolgen, die häufig vorkommen, charakterisiert werden, und daraus die beteiligten Eigenschaften erraten werden, ähnlich wie man die absolute Tonhöhe manchmal mit hoher Wahrscheinlichkeit erraten kann, wenn man die Melodieharmonik und die Häufigkeit der verschiedenen Tonarten kennt. Aber man rät oft falsch, und letztlich bleibt es Mathematik, also ein über der weiterhin unbekannten Wirklichkeit schwebendes künstliches Modell, von dem aus man mit konstruierten Modulen (Sprache, wa?) der Wirklichkeit winkt.
stabigabi1 - 8. Okt, 13:59
Wenn mir bei der ersten Orientierungslektüre über die Funktionsweise und Erforschungsgeschichte des Gedächtnisses ein Gedanke ankommt, will ich ihn hier ablegen. Das populärwissenschaftliche Buch, mit dem ich als Arbeitsgrundlage ein paar Bildungslücken zuspachtele, titelt: "Aristoteles und Assoziationismus". Darin kommen die üblichen sehr leidigen Aufzählungen von drei oder vier Sachen, die immer den wissenschaftlichen Autoren zur Begründung von Metaphern oder Assoziationen zu genügen scheinen. Z.B. hier: "Stühle und Tische sind insoweit ähnlich, als dass sie häufig aus Holz bestehen, sich oft in Küchen befinden und in ihrer Funktion mit der Einnahme von Mahlzeiten assoziiert werden." Plus Häufigkeit der Wahrnhemung zusammen, plus Kontiguität in Zeit und Raum.
Diese Begründungsmanie lässt aber unbeachtet, dass es auch möglich ist, ganz arbiträre Dinge zu verknüpfen.
Die Verknüpfung bereitet, würde ich vermuten, performativ Lust, mal, weil sie keinen Grund hat, mal weil sie so naheliegend scheint, dass fast keine eigene Tat dazu nötig erscheint.
Die Auswahl, was man verknüpft, ist gefühlt ungetrennt von der Auswahl der begehrenswerten Personen und der Kleider und so. Hat vergleichbare Wichtigkeit bei einer Einordnung als Spaß, Freiwilligkeit, Austobefeld. Mit Überschattungen durch einige empfundene Verpflichtungen: zur Treue einem Stil oder Prinzip oder vielleicht der eigenen Herkunft gegenüber; zur Vermeidung von Überschreitungen gewisser Grenzen, jenseits derer man sich zu sehr von einem gesellschaftsfähigen Normalbereich entfernen würde; zu einer Anschmiegung an ein Ziel. Das könnte man kondensieren als Orientierungen aus Vergangenheit, Gegenwart (Umgebung) und Zukunft.
stabigabi1 - 8. Okt, 13:45