Zerstreuung und Intensitäten
Dies ist eine Art Veranstaltungskritik, erweiterte. Letzte Woche lud mich M zu einem Theaterspektakel über Wagner ein. Er war von einer früheren, ähnlich angelegten Arbeit des selben Regisseurs über Alma Mahler beeindruckt gewesen, und wollte sich dies nun auch geben, auch wenn er eine Enttäuschung befürchtete, die auch eintrat. Susan Sontag - die ich übrigens gerade lese, weil M so überraschend von ihr geschwärmt hatte - meint in der Einleitung zu den Thesen zum Camp, das ernste, argumentierbare (und dadurch oft offen oder über drei Ecken moralisch begründete) Urteil werde darin vom Geschmack abgelöst. Nun, M und ich verhandeln Geschmack, und wenn ich zum hellblauen Hemd und Desigual-Sakko, mit dem er unter der Eibe saß, auch nur mit Blicken etwas sagte, wusste ers schon. Das Gute an seinem Geschmack ist manchmal etwas sehr krass, fast unerhört: Während alle Arten von Arbeiter- Proletarier- und Hiphopperstilen längst schon hoch und runter zitiert, parodiert, adoptiert und integriert werden, blieb der "gute Stil des Kaufmanns" gänzlich verschont. Können die zarten Brechungen, die wir beide dabei empfinden, denn überleben, oder wird es eingehen in die Tristesse einer Szene, die einfach nicht links genug ist? Man muss ja nicht dazugehören, um so auszusehen.
Wie auch immer, zur Sache. Die Aufführung könnte subsumiert werden als Zerstreuung mit Intensitäten. Kritiken erwähnen Geisterbahn-Effekte. Das Hirn wurde, merkt der Zuschauer schnell, wohl in den ersten Proben schon weggepustet von den intensiven Emotionen, die Schauspieler gehen an ihre Grenzen, ohne dabei in Narrativen, Tragödien oder andere Sinnzusammenhänge als die Spektakelaufführung und deren logistischen Anforderungen eingebunden zu sein. Ist das befreiend? Nein, es sieht aus wie Sklaverei. Zumal idiotischerweise fast alle Darstellerinnen, aber keine der Darsteller sich ausziehen, weinen und geschlagen werden - eben von Männern, die nicht einmal ihre bodenlangen Ledermäntel dazu ausziehen. So weit, so dümmlich. Ich schau es mir dennoch alles mit Interesse an. Könnte es sein, dass dies der ungekannte Gipfel ist, auf den die Erlebniskneipen (Kitkatclub, Saunen und Darkrooms und so weiter) zeigen, vor dem sie aber selbst erschrecken würden? Man wendet hier gleich ein, jene Erlebnisorte seien um Welten besser, weil, wer reingehe, selbst erlebe, was er hier als Besucher bloß anschaue. Aber das Anschauen ermöglicht eben ein besseres Anschauen, ungetrübt von der eigenen Haut. Es ist still im Kopfbereich und keine Scham oder Pein hindert einen daran, die ganze Sache ästhetisch sofort total zu verurteilen, wenn man zusieht, wie eine junge Schauspielerin nackt an die Wand gekettet und ausgepeitscht wird, während sie das Fragment einer Geschichte um eine uminterpretierte Abmachung rezitiert, brüllt, heult. Man fragt sich schlicht, was man hier macht, warum man sich diese Reproduktion von stumpfsinnigen Klischees ansieht, und kann sich nicht festhalten an der Tatsache, dass man eigene Schwellen überschritte und daher wertvolle unangenehme Erlebnisse machte. Warum ist man da? Man ist hereingeraten, jaja. Und warum geht man nicht weg? Man denkt sich gerade eben das hier.
Im Programmheft wird Wagner in einer Vorrede zitiert, wo er eine Umkehrung der Zerstreuungsverhältnisse vorschlägt. Anstatt sich nach der Arbeit in der Oper zu zerstreuen (man denkt da schon eher an die Barock-, die Nummernoper, als die schon atmosphärisch verschluckenderen des 19. Jhts) solle man sich in Bayreuth untertags zerstreuen, um sich abends in der umfassenden, einigen Atmosphäre zu sammeln.
Ein Irrtum liegt in der Annahme, die Zerstreuung der Barockoper verhindere das Große (was immer das sein mag). Ich finde das Gegenteil: Drama und Oper des Barock sind so offen, so offensichtlich thesenbetont, dass man an jeder Stelle, angeregt von einem Bild, einer Situation, einem aufgeschnappten Detail, zu eigenen Gedanken abschweifen kann, und die sind eben nicht nur an Butterbrote - bloß vielleicht bei Wagner schon. Das Aufsuchen des Rausches, um sich gewissermaßen zusammenzuschmieden, ist mir ja gut bekannt. Ich weiß von meinen eigenen Konzentrationsschwierigkeiten, dass sie, kombiniert mit einer Baisse im Selbstwertgefühl, zu einer Art Sumpf führen: der Banalität, der Impotenz, Gedanken und Gefühle zu fassen, etwas zu verfolgen oder auch nur vollständig wahrzunehmen, und dass tatsächlich Rausch hilft. Aber ich halte es für einen Irrweg, dieses Hilfsmittel zur Hauptsache zu machen. Dass das ein Irrweg ist, ist der Grund, den ich dafür angeben kann, Leuten zu misstrauen, die pompöse Musik, Rausch, eine makellos illusionistische Umgebung brauchen, um sich und die Welt ernst zu nehmen. Die dann aber auch Alles, was sie und diese kleine Welt betrifft, wichtig nehmen und mit einem solchen Drama besprechen, dass man, steht man an der Schwelle, ist zufällig nüchtern oder kennt wirklich Wichtigeres, lachen oder kotzen muss. Solche Straußenfeder-und-Plüschgesellschaften üben auf mich, und ich glaube auf viele zur Zeit, dennoch Anziehung aus. Ich möchte als Sarkast, als Sophist, als Poklatscher in ihren Runden dabei sein. Dabei sind sie nur Ersatz-Symposien, haben bloß oberflächliche Eigenschaften des Symposions, ohne die Ansprüche guten Denkens, zu ihrem umschwärmten Ideal genommen.
Darin als advocatus diavoli einzubrechen ist aber kein sinnvolles, kein nobles Bestreben, sondern so feige wie sie, die natürlich, in ihren Badewannen des Wohlstands, des weinabhängigen Wahrheitssinns, sich mit allen Mitteln gegen Einbrüche und Spalten in ihrem uteralen Reich durch verächtliche Reden zu schützen versuchen, aber in Wirklichkeit eh nur durch Geld und Mauern vor der Klugheit geschützt sind. Andererseits erscheint Nachsicht auch übertrieben, zu viel haben sie schon mit sich selber.
Wir taten an dem Abend vielleicht das einzige, was übrig blieb, besoffen uns maßlos am gebotenen Wein, malten aufs Tischtuch, wurden hinausgeworfen und schliefen auf den Stufen des Burgtheaters selig ein, wobei eine von uns, habe ich mir sagen lassen, die Stufen wie ein vernunftverlassener Hund besabberte.
Wie auch immer, zur Sache. Die Aufführung könnte subsumiert werden als Zerstreuung mit Intensitäten. Kritiken erwähnen Geisterbahn-Effekte. Das Hirn wurde, merkt der Zuschauer schnell, wohl in den ersten Proben schon weggepustet von den intensiven Emotionen, die Schauspieler gehen an ihre Grenzen, ohne dabei in Narrativen, Tragödien oder andere Sinnzusammenhänge als die Spektakelaufführung und deren logistischen Anforderungen eingebunden zu sein. Ist das befreiend? Nein, es sieht aus wie Sklaverei. Zumal idiotischerweise fast alle Darstellerinnen, aber keine der Darsteller sich ausziehen, weinen und geschlagen werden - eben von Männern, die nicht einmal ihre bodenlangen Ledermäntel dazu ausziehen. So weit, so dümmlich. Ich schau es mir dennoch alles mit Interesse an. Könnte es sein, dass dies der ungekannte Gipfel ist, auf den die Erlebniskneipen (Kitkatclub, Saunen und Darkrooms und so weiter) zeigen, vor dem sie aber selbst erschrecken würden? Man wendet hier gleich ein, jene Erlebnisorte seien um Welten besser, weil, wer reingehe, selbst erlebe, was er hier als Besucher bloß anschaue. Aber das Anschauen ermöglicht eben ein besseres Anschauen, ungetrübt von der eigenen Haut. Es ist still im Kopfbereich und keine Scham oder Pein hindert einen daran, die ganze Sache ästhetisch sofort total zu verurteilen, wenn man zusieht, wie eine junge Schauspielerin nackt an die Wand gekettet und ausgepeitscht wird, während sie das Fragment einer Geschichte um eine uminterpretierte Abmachung rezitiert, brüllt, heult. Man fragt sich schlicht, was man hier macht, warum man sich diese Reproduktion von stumpfsinnigen Klischees ansieht, und kann sich nicht festhalten an der Tatsache, dass man eigene Schwellen überschritte und daher wertvolle unangenehme Erlebnisse machte. Warum ist man da? Man ist hereingeraten, jaja. Und warum geht man nicht weg? Man denkt sich gerade eben das hier.
Im Programmheft wird Wagner in einer Vorrede zitiert, wo er eine Umkehrung der Zerstreuungsverhältnisse vorschlägt. Anstatt sich nach der Arbeit in der Oper zu zerstreuen (man denkt da schon eher an die Barock-, die Nummernoper, als die schon atmosphärisch verschluckenderen des 19. Jhts) solle man sich in Bayreuth untertags zerstreuen, um sich abends in der umfassenden, einigen Atmosphäre zu sammeln.
Ein Irrtum liegt in der Annahme, die Zerstreuung der Barockoper verhindere das Große (was immer das sein mag). Ich finde das Gegenteil: Drama und Oper des Barock sind so offen, so offensichtlich thesenbetont, dass man an jeder Stelle, angeregt von einem Bild, einer Situation, einem aufgeschnappten Detail, zu eigenen Gedanken abschweifen kann, und die sind eben nicht nur an Butterbrote - bloß vielleicht bei Wagner schon. Das Aufsuchen des Rausches, um sich gewissermaßen zusammenzuschmieden, ist mir ja gut bekannt. Ich weiß von meinen eigenen Konzentrationsschwierigkeiten, dass sie, kombiniert mit einer Baisse im Selbstwertgefühl, zu einer Art Sumpf führen: der Banalität, der Impotenz, Gedanken und Gefühle zu fassen, etwas zu verfolgen oder auch nur vollständig wahrzunehmen, und dass tatsächlich Rausch hilft. Aber ich halte es für einen Irrweg, dieses Hilfsmittel zur Hauptsache zu machen. Dass das ein Irrweg ist, ist der Grund, den ich dafür angeben kann, Leuten zu misstrauen, die pompöse Musik, Rausch, eine makellos illusionistische Umgebung brauchen, um sich und die Welt ernst zu nehmen. Die dann aber auch Alles, was sie und diese kleine Welt betrifft, wichtig nehmen und mit einem solchen Drama besprechen, dass man, steht man an der Schwelle, ist zufällig nüchtern oder kennt wirklich Wichtigeres, lachen oder kotzen muss. Solche Straußenfeder-und-Plüschgesellschaften üben auf mich, und ich glaube auf viele zur Zeit, dennoch Anziehung aus. Ich möchte als Sarkast, als Sophist, als Poklatscher in ihren Runden dabei sein. Dabei sind sie nur Ersatz-Symposien, haben bloß oberflächliche Eigenschaften des Symposions, ohne die Ansprüche guten Denkens, zu ihrem umschwärmten Ideal genommen.
Darin als advocatus diavoli einzubrechen ist aber kein sinnvolles, kein nobles Bestreben, sondern so feige wie sie, die natürlich, in ihren Badewannen des Wohlstands, des weinabhängigen Wahrheitssinns, sich mit allen Mitteln gegen Einbrüche und Spalten in ihrem uteralen Reich durch verächtliche Reden zu schützen versuchen, aber in Wirklichkeit eh nur durch Geld und Mauern vor der Klugheit geschützt sind. Andererseits erscheint Nachsicht auch übertrieben, zu viel haben sie schon mit sich selber.
Wir taten an dem Abend vielleicht das einzige, was übrig blieb, besoffen uns maßlos am gebotenen Wein, malten aufs Tischtuch, wurden hinausgeworfen und schliefen auf den Stufen des Burgtheaters selig ein, wobei eine von uns, habe ich mir sagen lassen, die Stufen wie ein vernunftverlassener Hund besabberte.
stabigabi1 - 19. Aug, 17:06